Hannibal * Rezension von Hannes Ludwig

Düstere Musik versetzt einen in Stimmung, man hört ein grausiges Kannibalen-Knuspern (von Anthony Hopkins?!), das sogleich von einem kleinen Chor ersetzt wird. Jetzt kann man behaupten, Musik zu hören. Doch leider wird diese Musik gestört: Hannibal Lecter fängt an, seinen Brief an Clarice Starling vorzulesen. Er beginnt mit »Dear Clarice« - so auch der Name des Titels. Der Bass setzt ein und steigert die Stimmung ungemein. Endlich ist Hopkins fertig und Streicher, begleitet von einem Klavier, übernehmen die Herrschaft über das Ohr des faszinierten Hörers. Eine gelungene Einleitung, mit der man den hauptsächlichen Teil der Filmmusik beschreiben könnte. Eine düstere Partitur - trotzdem anmutig (ein wunderschönes und gleichzeitig trauriges Hauptthema), minimal begleitet von Anthony Hopkins' Stimme. Es finden Ausflüge zum Walzer und zur Klassik statt und hier und da keucht ein Irrer. Ob die Monologe von Hannibal Lecter nötig sind oder nicht - ohne könnte ich mir die CD inzwischen leider fast nicht mehr vorstellen. Man sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass sie zu Musik aus völlig anderen Szenen stammen.

Den ersten historisch-musikalischen Ausflug bekommen wir mit Titel 2 beschert. Es ist ein Stück von Johann Sebastian Bach aus seinen »Goldberg-Variationen« - Hannibal Lecter spielt die »Aria da Capo«. Nein, es ist natürlich nicht Anthony Hopkins, der da die Tasten bedient, sondern Glenn Gould. Es ging einmal das Gerücht, dass Anthony Hopkins eigene Klavierkompositionen zum Film beziehungsweise zur CD beitragen werde - und bei dem Gerücht ist es auch geblieben.

Nun geht die gemütliche Übe-Session in Taubengeflatter über (Titel 3: »The Capponi Library«). Wir sind in Florenz, die Kulturstadt Italiens, Handlungsort des Filmes - genauer gesagt in der Bibliothek, in der Hannibal Lecter arbeitet. Kein Wunder, dass Lecter hier untergetaucht ist, wissen wir doch mindestens seit 1992, dass er nicht gerade ein Kulturbanause ist. Das Stück ist eines der spannendsten der CD, aber auch leider sehr kurz. Es folgt ein kurzes Effekt-Crescendo und wieder Taubengeflatter - das war's!

»An der schönen blauen Donau« von Johann Strauß ist wohl das erste, was einem einfällt, wenn man Titel 4 anspielt. Beim Betrachten der CD-Inlays sieht man nun den genauen Namen des Stückes: »Gourmet Valse Tartare«. Der fast tote Walzer wird halt gerne von Zimmer beziehungsweise hier von seinem Kollegen Klaus Badelt wiederbelebt, wie zuvor in den Partituren zu »Backdraft« (»The Arsonist's Waltz«), »The Thin Red Line« (»Stone In My Heart«) oder jüngst in der Academy-Award-Nominierung »Gladiator« (»The Battle«). Langsam legt das Stück seine Ähnlichkeiten zum Donau-Walzer ab und wird zum nervenkitzelnden Kannibalen-Walzer. Zum Ende des Titels vernimmt man dann ein gezupftes absteigendes Motiv, das an »Silence« aus »The Thin Red Line« erinnert.

»Avarice« (Track 5) beginnt mit einem glockenspielartigen Motiv, das sehr kindlich aber auch geheimnisvoll klingt. Weiter geht es mit Stimme, Streichern und Klavier, die eine intensive Atmosphäre mit ihrem Spiel schaffen. Immer wieder aufs Neue baut Zimmer dieses Stück zu einem Quasi-Höhepunkt auf, bricht dann aber ab - eine Spielart, die gefällt.

Das relativ kurze »For A Small Stipend« dient lediglich als Einleitung für das sehr rhythmische und spannende »Firenzo Di Notte« von Martin Tillmann und Mel Wesson. Das Stück beruhigt sich, wird aber zunehmend düster. Relativ düster geht es auch in »Virtue« (Titel 8) zu, wenn Zimmer sein Instrumentarium in Richtung Bass spielen lässt und dann wieder an Höhe gewinnt. Fließend und nahezu perfekt bahnt sich das Stück seinen Weg durch die Gehörgänge.

Für mich wird es ab Track 9 (»Let My Home Be My Gallows«) wieder sehr interessant. Zimmer setzt in diesem 10 Minuten langen Titel wieder seinen Gänsehaut erzeugenden und bewährten Chor ein, der unter anderem besonders gut bei »Broken Arrow« zur Geltung kam. Es ist ein sehr spannendes Stück Musik - bis Lecter Vorträge über italienische Kunst hält. Hier hat das Referat auf jeden Fall der wunderschönen Musik geschadet. Hörenswert ist aber ein Kirchen-Chor und dessen Solisten. Dann folgt allerdings stark am Geschehen orientierte Filmmusik beziehungsweise ein paar nette (Schock-) Effekte. Das ändert sich positiverweise mit »The Burning Heart« (Track 10) - auch wenn man wieder Anthony Hopkins' Stimme vernehmen muss. Es beginnt mit einem Streich-Quartett und wechselt dann zu einem massiven Einsatz der menschlichen Stimme - auch Chor genannt. Nun folgt mein Lieblings-Part, der von einer lang gezogenen, strahlenden Trompete eingeleitet wird, die wir alle schon aus Hans Zimmers Archiv kennen. Zimmer spielt mit den Harmonien, und der Bass geleitet uns zur Tür zum »streicherlastigen« »To Every Captive Soul«.

Die »Mini-Oper«, das von Patrick Cassidy vertonte Libretto zu Dante Alighieris »La Vita Nuova« stellt einen der Höhepunkte der CD dar. Es ist für manchen vielleicht ungewohnt, doch tolerante Gehörgänge können sich für alles begeistern. Und wenn man sich an die Szene zurückerinnert, in der Lecter beim Besuch des Konzertes dem Kommissar ein diabolisches Grinsen zuwirft, wird's noch einen Tick gruseliger! Zum Schluss gibts noch ein überraschend-erschreckendes Orchester-Chor-Tutti, ein kleiner Vorgeschmack auf die dritte beziehungsweise vierte filmische Auseinandersetzung mit Hannibal Lecter.

Fazit: Zimmer legt sich wie immer auf keine bestimmte Richtung fest. Schon »Gladiator«, »Mission: Impossble 2« und »The Thin Red Line« überraschten den Hörer aufgrund der Verschiedenartigkeit der Partituren und der Vielfältigkeit Zimmers. Die Musik zu »Hannibal« geht diesmal einen Weg durch die europäische Musikkultur, passend zu Lecters Hang zur Kunst und macht dabei unter anderem Abstecher im Barock, in der Romantik - und auch der Walzer findet wieder seinen Weg in Zimmers Musik. Aber genug der Worte - zur kurzen Beschreibung dieser CD reichen eigentlich zwei Worte: Schaurig schön! Oder: Unbedingt kaufen! :-) Übrigens: Das Cover sieht dem von John Williams' »Nixon« ziemlich ähnlich.

Tracks

0106:02Dear Claricefeaturing Sir Anthony Hopkins
0201:48Aria Da Capofrom Goldberg Variations, BWV 988. Written by Johann Sebastian Bach. Performed by Glenn Gould in 1981.
0301:14The Capponi Library
0406:50Gourmet Valse TartareWritten and Produced by Klaus Badelt. Performed by The Lyndhurst Orchestra.
0503:54Avarice
0600:55For A Small Stipend
0703:09Firenzo Di NotteWritten by Martin Tillmann and Mel Wesson.
0804:37Virtue
0910:00Let My Home Be My Gallowsfeaturing Sir Anthony Hopkins
1004:24The Burning Heartfeaturing Sir Anthony Hopkins
1106:54To Every Captive Soul
1204:20Vide Cor MeumWritten by Patrick Cassidy. Libretto taken form Dante Alighieri's »La Vita Nuova«. Produced by Patrick Cassidy and Hans Zimmer. Performed by Danielle De Niese and Bruno Lazzaretti.

Gesamtlaufzeit: 54:07

Musiker

Komponisten:Johann Sebastian Bach
Klaus Badelt
Patrick Cassidy
Martin Tillmann
Mel Wesson
Hans Zimmer
Violoncello:Martin Tillmann
Solo-Posaune:Bruce Fowler
Sopran:Danielle De Niese
Tenor:Bruno Lazzaretti
Violoncello-Solist des Lyndhurst-Orchesters:Anthony Pleeth
Zusätzlicher Gesang:Olive Simpson
Jungen-Chor:Libera

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