Fahrenheit 9/11

Dann und wann kommt ein Film in die Kinos, den zu sehen sich wirklich lohnt. Nicht, dass »Fahrenheit 9/11« sonderlich viel Neues offenbart, aber er zeichnet ein umfassendes, stimmiges Portrait einer tragischen Gesellschaft inmitten zivilisierter Gewalt und deren korrupter Oberhäupter, die Massenmord als legitimes Mittel zum Aufbessern ihres Taschengelds sehen. In Einzelbeispielen zeigt Autor und Regisseur Michael Moore die intellektuellen Missstände in der US-amerikanischen Gesellschaft auf und wie schon in »Bowling for Columbine« die verheerenden Folgen der permanenten Massenmedien-Gehirnwäsche. Wer Moore Klischees vorwirft, wie die Aussage, dass der Krieg von den Millionen von Armen für die oberen Zehntausend (Bushs »Basis«) ausgefochten wird, irrt, denn wie viele Klischees entspricht dieses schlicht der Wahrheit. Nicht umsonst ist das Wort »arm« etymologisch nicht weit von »Armee« entfernt. Der einzige Schwachpunkt dieser teils subjektiven Dokumentation ist die streckenweise aufkommende Verniedlichung und Verharmlosung des Hitler-Epigonen, Diktators und Massenmörders George Walker Bush. Sicher ist das satirisch-humoristische Aufarbeiten des absolut Bösen eine schmerzmildernde Therapie, um jedoch den bösartigen, mit allem verwobenen Tumor (Tumor ist, wenn man trotzdem lacht?) zu entfernen, bedarf es mehr. Die Abwahl, wie Moore meint. Doch selbst er wiederholt zu Beginn des Films, dass Bush himself nie gewählt wurde. Deshalb ist es eher fraglich, ob die Wahl Kerrys oder Naders überhaupt irgendetwas bewirken könnte. Denn, wie bewiesen, baut Bushs machiavellistisches Terror-Regime auf Diktatur, die innerhalb einer Scheindemokratie und Plutokratie herrscht. Und so ist Moores Film auch ein Portrait der Menschheit und ihrem allzu egoistischen und gerade deshalb menschlichen Begehr. Ich meine nicht die Grund-, Kultur- und Luxusbedürfnisse aus der Wirtschaftslehre, sondern eine Machtgesellschaft, in der es nur darum zu gehen scheint, Macht beizubehalten und die Leiter (oder Spirale?) immer höher zu steigen und nie aufzuhören. Diese megalomanische Gesellschaft kollabiert langsam aber merklich. Die USA sind in dem vorliegenden Fall nur die Karikatur der gesamten »zivilisierten« Welt. Wir Europäer können uns dieser Kritik nicht vollständig entziehen. »Fahrenheit 9/11« schafft, was nur wenigen Kunstwerken gelingt. In den besten Momenten macht er ob seines Realismus' und seiner Intensität wütend, erschafft ein Gefühl der Ohnmacht und das Verlangen, diese zu bekämpfen.