Seit geraumer Zeit werde ich von einem Gegensprechanlagenterroristen belästigt - jedenfalls glaube ich das. Nach einer Periode, in welcher der anonyme Störenfried regelmäßig an der Haustür klingelte und ich mit einem fragenden Ja? oder Hallo? reagierte und nach nicht erhaltener Antwort die Reaktion wiederholte, da man sich bei diesen Gegensprechanlagen ja nie so sicher sein kann, wie viel Zeit vom Sprechknopfdrücken bis zur tatsächlichen Tonübertragung vergeht und sich auf diese Weise vergewissern will, ob der vermutete Besucher einen überhaupt tonlich empfangen hat, nach dieser Periode also gab es lange Zeit kein Lebens- oder Klingelzeichen des mutmaßlichen (dieses Wort scheint in diesem Zusammenhang einfach unauslassbar), jedoch unbekannten Terroristen. (Die weibliche Form »Terroristin« sei aus Gewohnheits-, nicht aus Diskriminierungsgründen nur zwischen diesen Paranthesen genannt. Außerdem würde die Erwähnung des Wortes eventuell als Versuch angesehen werden, Weibliches zu verteufeln. Ja, da bin ich mir sogar ziemlich unsicher.) Doch dann - ein paar Wochen später - war es wieder so weit. Ein Klingeln, bei dem man nicht selten rätselt, wer das nun sein könnte. Als Optimist freue ich mich natürlich auf spontanen Besuch irgendwelcher Freunde oder die Ankunft eines heißersehnten - von der Deutschen Post oder irgendwelchen Versanddiensten, welche so wie so alle ähnlich heißen, hoffentlich nicht beschädigten - Paketes. Diese Vorfreude wird dann leider allzu oft von Schlüsselvergessern, Umfragenden und anderen Bittstellern oder halt mysteriösen und schnell entfleuchenden Individuen in Luft aufgelöst, die sich dann manchmal in schlechte Stimmung machende grauschwarze Wölkchen, die einem über dem Kopf schweben (Comic-Symbolismus) verwandelt. Plötzlich war er also wieder da. Dann kreisen die Gedanken um die geheimnisvolle Person. Wertvolle Gehirnressourcen und vor allem Zeit wird mir gestohlen. Zwei weitere Gründe, ein gesundes Maß an Hass gegenüber diesem Menschen zu entwickeln und sich bei der Ausübung der Zweitaktivität des Terroristen in Form von leise Dahingehüsteltem zu echauffieren. Diese Zweitaktivität ist das Betätigen des elektronischen Türöffners. Wenn dieses fast undefinierbare Geräusch (etwas zwischen Summen, Surren und Knurren) erklingt, wenn ich die Haustür vor drei Sekunden durchschritten habe, fühle ich mich beobachtet, die Gedanken fangen wieder an, zu zirkulieren. Eine leichte Paranoia bildet sich, die allerdings nicht lange währt und lieber der seicht-wütenden Verzweiflung weicht (»Was muss das für ein Mensch sein?!«). Beim Sherlock Holmes Methoden nicht unähnlichen Nachdenken, das alle Möglichkeiten auslotet, male ich mir dann aus, nur ein Opfer von den von mir längst vergessenen Klingelstreichen kleiner Kinder, bei denen sie sich der ganzen Handfläche zum Klingeln bedienen, zu sein, die ich früher auch gerne, aber nicht lange praktiziert habe. Und vielleicht braucht das die lieber zu Hause hockende Generation auch und genießt es in aller heimlichen (Das war ein doppeldeutiges Wort.) Bequemlichkeit, statt von der Klingel in die Ferne zu entschwinden, lieber nach Drücken des elektronischen Türöffners (Die Taste mit dem Schlüsselzeichen) zum Fenster zu eilen und dort in Reality-TV-mäßiger Manier, mit der Illusion der Unbeteiligtheit und Distanz und dem prägenden Gefühl der voyeuristischen Geilheit die Reaktion des Opfers zu beobachten. Aber warum eigentlich?! Was muss das für ein Mensch sein?!